DIE ERSTÜRMUNG DES LITERARISCHEN OLYMPS

Ich weiß nicht warum ich gelegentlich zu
diesen Literaturtreffen nach Neukölln fuhr
In meiner Zeit in Berlin hatte ich so gut
wie nichts geschrieben
Das hatte nichts mit Ideenlosigkeit zu tun
Ich war einfach den ganzen Tag beschäftigt
mit wichtigeren Dingen als Schreiben
Na wie auch immer auf jeden Fall hatte
ich lange gezögert den selbst ernannten
Literaturgöttern meine bukowskiesken
Schmierereien vorzutragen und als ich
es dann doch eines Tages tat wusste ich
auch warum ich sag nur love it or leave it
Während eines nachmittäglichen Umtrunks
kam uns die großartige Idee den Priestern des
heiligen Wortes eine falsche Hostie unterzujubeln
In meinen alten Duisburger Zeiten hatte ich mit
ein paar Jungs eine Zeitschrift namens „Produkt“
herausgegeben worin wir unsere pubertären
Phantasien verbreiten konnten
Das war in den 1980ern
Peter ein leicht durch geknallter Comiczeichner
und Computerfreak und in den 80ern waren
Computer wirklich nur was für Freaks und für
uns normal Durchgeknallte irgendetwas das
aus dem Weltall auf die Erde runter gefallen
sein musste auf jeden Fall nichts zu trinken
und das war von vornherein schon schlecht
hatte ein Programm erstellt mit Hilfe dessen
der Computer selbstständig Gedichte
schreiben konnte nach dem er ihn mit Zeug
von Böll bis Bukowski gefüttert hatte
Und der Computer hatte sich sogar einen
eigenen Namen zugelegt:
Huche Joses Jochendorff!
Mein Kumpel Alex sollte sich als Huche
ausgeben und seine Werke vortragen
Wir dachten uns noch eine kleine Vita aus
falls die Literaturpäpste dahingehend ein
paar blöde Frage stellen sollten und dann
machten wir uns frisch gestärkt
an einem Montag auf den Weg
zum literarischen Olymp

Die Runde war gut durchmischt und nicht
wie man meinen könnte überwiegend
aus älteren Semestern rekrutiert
Es kamen immer zwischen 20 und 30
Leute auf der Suche nach Selbstfindung
Der Chefkritiker Andreas war ein langhaariger
Endstadium68er wahrscheinlich Ex
Germanistikstudent und Marcuseanhänger
der zumindest in meiner Neuköllner Laufbahn
nie einen eigenen Text vorgetragen hat
Eine Dame mittleren Alters begann
den Ringelreigen mit einem Gedicht
das verseucht war mit Begriffen wie Leben
Tod Sehnsucht Hoffnung und Unendlichkeit
Sie wurde noch von einem jungen Kerl
der sich auf der Suche nach dem Sinn
des Lebens in der russischen Taiga
verlaufen hatte getoppt
Ein Durchschnittstyp nur gute zehn
Jahre älter schaffte es fast mit einem
weinerlichen Traktat über eine verlorene
Liebe den literarischen Gral ins
Koma zu versetzen und dann kam
endlich Huche zu Wort
Ich erklärte kurz dass er ein Freund
aus Westdeutschland sei der aber
die meiste Zeit in Italien lebe und
jetzt sei er halt hier in Berlin zu Besuch
Alex sagte nichts dazu ließ die Aura
des Geheimnisvollen die ein fast zwei
Meter Hüne mit zerfetzten schwarzen
Klamotten wohl verströmt auf die
Außenwelt einwirken und begann
zu lesen

Weltschwinge

Weltschenden weit auf:
Der Typ, auch im Zentrum mehr!
Wer?
Typ auf der...
Auch wennich extreme Gefühle
oder Istanz:
Fern und fern und Ust.
Entrum: Meinwand in Manscheibe.
Sie.
Sie Enten.
Momentrum mehr Watte.
Imm er auf den Frust!
Einshorizont mehr,
wenn icht mehr weit
auf der Weltschwinge,
und wenn ich
zu und zu und zu
mir selbst über:
Ich.
Der Watte im Zent:
Meinshorizont.
Dann ich dientsprechenden
dem Zent.
Durch:
Wennich extreme Gefühle oder Typ
auch zu mir selbst
über Leine wich:
Die Schen beginnentweder,
wenn die weit über imm er Istanz.
Und auch weiß ich Distanz,
fern und
Enten.

Huche trug noch zwei Gedichte vor
und als Alex die Texte beiseite legte
und gedankenverloren in die Runde
schaute herrschte erst mal gnadenlose
Stille sie waren baff wussten im ersten
Augenblick nicht was sie sagen sollten
>Das war toll, das war einfach toll<
meinte der Obermacker fassungslos
und seine Augen schlugen verzückt
Purzelbäume
Ein graumelierter mit dem Anspruch
bedingungslos intellektuell zu wirken
aber nicht unsympathischer älterer Mann
schwaffelte ein wenig entrückt drauflos
>So was Schönes habe ich lange nicht mehr
gehört oder gelesen. Das sind surrealistische
Meisterwerke. Sie schreiben wie Dali gemalt
hat. Unglaublich schön eben< und
wahrscheinlich schnalzte er dabei mit der Zunge
Alex wurde mit Fragen bombardiert
Fragen nach dem Sinn und der Entstehung
der Texte und die er mit Antworten wie
>Durch die Auflösung der inneren Barrieren
ereilten mich in den Untiefen jenseits aller
subjektiven Realitäten Erkenntnisse die unglaublich
weit zurückreichen bis zum Anfang der Menschwerdung
und die mich erahnen lassen was hinter der profanen
fleischlichen Kulisse die wir anmaßenderweise als die
Krönung der Schöpfung hinstellen steckt<
Seine Erklärungen machten das Maß voll
Die Adepten  waren begeistert
Entzückt
Goethe´s Geist war erwacht hatte
sich mit Schiller und Heine geklont
und hatte sich dem entweihten von allen
literarischen Freuden abgeschnittenen
Literaturvolk in einem Berliner
Hinterhofkabuff gezeigt
Alex konnte sich vor lauter Gratulations
Bekundungen kaum retten ihm blieb
nur die Flucht auf´s Klo Andreas konnte mir
nicht oft genug dafür danken dass ich ihnen
Huche-wie-hieß-der-noch-gleich vorgestellt hatte
Die Lebens-Todes-Sehnsuchtslyrikerin meinte
dass sie jetzt ihre wahre Berufung gefunden
hätte und der Durchschnittstyp fühlte sich in
seiner depressiven Liebesschmachterei voll
und ganz bestätigt Jochendorff hätte es
vollkommen treffend dargestellt dass die
Liebe ein Mysterium der Weltschwinge sei was
ich nur mit >Jaja Jochendorffs Werk lässt
sich vielschichtig interpretieren< honorierte

Der Graumelierte kam zusammen mit Alex von der
Toilette zurück und schaute mich an als ich hätte ich
auf seine wertvolle Faust-Ausgabe uriniert gesellte sich
sofort zu Andreas und flüsterte ihm etwas ins Ohr
während Alex bewundernde Blicke begleiteten
Andreas kam zu mir herüber zog mich an der
Jacke in eine ruhige Ecke und fragte
verdattert >Stimmt es, dass die Gedichte von
einem Computer geschrieben worden sind?<
>Welche Gedichte?< tat ich dämlich
>Natürlich die von diesem Jochendorff<
>Wie kommst du denn darauf?<
>Dein Kumpel hat es gerade Wolfgang verraten<
Ich schaute Alex verwundert an der mich anlachte
>Das ist das Allerletzte, was ich erlebt hab´.
So was Hinterfotziges ist mir noch nicht
untergekommen< raunzte er mir zu
>Was regst du dich so darüber auf? Sind doch nur
ein paar dämliche Gedichte<
>Was redest Du da?< er starrte mich an als müsste
er nicht lange überlegen durch welches Auge er mir
seinen silbernen Füllfederhalter den er zu seinem
16. Geburtstag geschenkt bekommen hatte jagen
wollte >Das... das war der vielleicht schönste
Abend hier in diesem Literaturzirkel, den ich erlebt
habe, und Du ziehst bloß ein absurde
Schmierenkomödie ab, um Dich heimlich über
uns schlapp lachen zu können. Das werde ich dir
wohl niemals verzeihen können< sagte er mit
versteinertem Blick und wendete sich von mir ab
ohne mich noch einmal anzuschauen
Die Jochendorff-Fans umschwirrten Alex weiter
wie die berühmten Motten ... ihr wisst schon ...
den Literaturmief oder was auch immer ich prostete
Bukowski zu und verabschiedete mich vorläufig
vom offiziellen Literaturbetrieb und
stieg hinab in den Untergrund

Aus „Rodneys Slam“, Edition Paperone 2010


DIE KÜCHE IST AUSGETRUNKEN

Die Küche ist ausgetrunken
Der Pfand ist leer
Der Briefkasten wartet
auf neue Drogen
während der Heißhunger
zitternd im Bett liegt

Die Radiospots misten aus
schmeißen alles hinaus
was nicht mehr in die
Wohnungen passt

Die Werbetrommel
rührt und rührt
bis die Masse
cremig ist und ihr
aus der Hand frisst
den ganzen Mist
in den Flur stellt und
den Kontostand
vergisst

Die Kleider vom Leib reißt
Die Kreditkarten
aus den Fenstern schmeißt
mitten hinein in den gierigen
Schlund der Prospekthysterie

20 Prozent auf alles
außer Tampons
Schuhabsätze
Toastbrot Bildzeitung
und Smarties natürlich

Freies Parken für
den schnellen Hunger
der schweißgebadet
von der Maloche kommt
der den Genuss und
den Geschmack
die Prädikatsweingüter
und die Bioanbauflächen
in die Mottenkiste
gepackt hat

Die Brüste springen
aus den Plakaten
schreien im Offizierston
Kauf Dir den Rausch
Kauf was Du niemals brauchst

Wenn nix mehr da
dann kommt fix was
Neues die Einkaufsstraße
heruntergeschlendert
den Pulli leicht verrutscht
den Rock kurz übern Po
was alle nass macht
und das Geld aus den
Portemonnaies schießen lässt

Feiern alle mit
Feiern bis der
Konsumpegelmast bricht
Und wenn morgens der
Brummschädel auf dem
5-Jahres-Garantie-Laminat
tanzt und steppt und wilde
Polkas aufführt
gib´s ne Tablette
für jede Gelegenheit
die alles mitmacht
was den Körper anmacht
und erst ausmacht
wenn der Heimleiter
Gute Nacht sagt

Aus „Die Leichen werden wohl warten müssen“, RUP 2006

Ich stehe vor der Käsetheke und bin berauscht von den vielen französischen italienischen spanischen Namen von all dem Trüffel und dem Büffel den Ziegen und Schafen den Kräutern und dem Schimmel dem Käse mit Guinness und dem mit Mirabellenschnaps und der mit Asche möchte am liebsten alles in die Tasche stecken und dann baut sich eine ältere und eine jüngere Frau ich nehme an Mutter und Tochter hinter mir auf und höre nur Hauptsache der Käse stinkt nicht

Natürlich nicht
Nicht stinken
Nicht riechen
Nicht schmecken

WIR SCHMECKEN SCHON LANGE NICHTS MEHR

in unserer Bonbonwelt
Schmecken kein Leben
Riechen nicht den Tod
der den Rhein hinunter
schwimmt und einfällt
wie einst die Wikinger

Machen es uns gemütlich
vor der Plasmawelt
mit Tüten voller
Glückseligkeit
zum Hammertiefpreis
Lecken am Nitratgehalt
des Untergangsszenarios
Kriechen in die leeren Wort
Hülsen der Werberomantik

Schauen zu wie die Übel
Täter am Galgen aufgeknüpft
werden die Weltenretter sich
brav dabei einen runterholen
wenn sie sonst schon keiner
mehr liebt

Stopfen uns voll mit den
Kopfgeburten aus dem
Geheimlaboren die das
Adrenalin zum Schäumen
bringt zum Überschäumen
um uns über die Dummheiten
der Pseudoprominenten
schlapp lachen zu können
so schlapp dass
uns die Gedanken
ausgehen heimgehen
frustriert enttäuscht
über eine Welt
die sie nicht mehr braucht
sie um ihre Rente betrügt
und ihre Mietverträge
fristlos kündigt

Viel zu lange schon
haben wir ihr nutz
loses Treiben mit
angesehen bis auch
der Toleranteste
seine politische
Korrektheit in die
Recyclingtonne
kloppt die am Tag
X mit dem Vermerk
falsch sortiert am Straßen
Rand stehen gelassen wird

Stürzt damit den in einem
arbeitsreichen mühsam
gesammelten Plastik
Reichtum unserer
virtuellen Religion
in eine tiefe Sinnkrise
verhöhnt die verfassungs
konforme Identität die wir uns
so teuer angefuttert haben

Dabei haben wir nichts
geschmeckt nichts gerochen
haben nichts Falsches getan
die Klappe gehalten die
1-Cent-Sammlung den
Tierfreunden gespendet
und das Kleingeld das
unter die Couchauflagen
gerutscht ist in Kinder
Dörfer investiert

Für die Vereinten Nationen
und ihren Kampf gegen die
Armut während eines Udo
Jürgens Konzert aufgestanden
Die private Nachfrage
angekurbelt

und dann drehe ich mich um und sage Wenn dir Käse zu sehr riecht dann friss doch deine Socken die geliebten selbst gestrickten hausgemacht ist es doch immer am besten und wenn´s dann noch immer nicht schmeckt gibt es bestimmt einen Ketchup der sich auskennt in der Welt der feinen Gerüche und der noblen Küche

von Freddy
oder Manni
mit dem wir unsere
Bomben einschmieren
den Frieden verkleben
den wir in die Konsum
Schutzzonen einschleppen
und Tante Emma foltern
die wir in der Supermarkt
Kette interniert und ihr
Klein Lädchen in seine
Bestandteile aufgelöst
haben elektronisch genau
uns damit brüsten wie mit
einem falschen Dekolleté
mit dem wir uns zu
Weihnachten behängen
um ein bisschen Leben
in die Bude zu bringen

und die Frau starrt mich an als wären ihre Lieblingsfußwärmer direkt aus dem Rote Kreuz Container in eine Kleiderverwurstungsfabrik verschleppt worden zieht sich einen Strumpf aus stopft einen Trüffelcamembert hinein (ihr glaubt ja nicht was so ein Teil kostet) und schwingt ihn wie eine Wurfschlinge über den Kopf und folgt damit dem Kreuzzug gegen den guten Geschmack während ich mir meine Rüstung anziehe und auf den Angriff der Ungläubigen warte

Aus „Rodneys Slam“, Edition Paperone 2010

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